Gemeindefeuerwehrtage
Frau Hamke erinnert sich
Frau Dohm erinnert sich
Frau Zimmer berichtet
Herr Kramer berichtet
Herr Didwißus berichtet
Frau Runge berichtet
Dazu Interviewtexte, Grafiken, Fotos, Videostream

 



 





Interview vom 10.-12.03.2008

Interview Auszüge O. Simon mit D. Hamke [2008]






ALSO DANN:





Geborene bin ich 1922 in Lieth [heute Klein Nordende] bei Elmshorn. Meine Eltern waren dort Bauern. Als Großvater starb, fiel der Hof nicht an sie. Sie suchten sich daher eine neue Bauernstelle und erwarben 1929 den Hof Nissen in Liensfeld, der heute unserem Ortswehrführer gehört. Es handelte sich um einen 10 ha Hof mit ausreichend Pachtland, um eine umfassende Bauernwirtschaft zu betreiben. Mit der Inflationszeit hatte ich also nichts mehr zu tun. 1934 wurde mein Bruder Hans geboren. Ich besuchte die hiesige Dorfschule, arbeitete daran anschließend auf Vaters Hof mit, bis ich auf eine Hauswirtschaftsstelle nach Eutin kam. Als Mutter um 1938 langfristig erkrankte, kam ich zurück auf den Hof, um Vater zur Hand zu gehen und meinen Bruder mit zu beaufsichtigen. So war das auch bei Kriegsausbruch. Später ging es Mutter besser, dagegen wurde ich krank. Kurz nach dem Kriege beschloss ich, mich auf die eigenen Beine zu stellen. Ich machte einen Buchhaltungs-kursus und arbeitete bei verschiedenen Gewerbetreibenden hier in Liensfeld. 1970 wurde ich schließlich am Finanzamt [in der Kasse] angestellt, wo ich bis zu meiner Pensionierung 1979 blieb. Während dieser Zeit hatte ich zeitweise eine Wohnung in Eutin. Vater starb 1978. Mutter verkaufte 1979 dann das Bauernhaus [ohne die Felder]. Vor weiterer Planung verstarb sie plötzlich, im gleichen Jahr. Ich erwarb danach das Haus, welches ich heute bewohne, mein Bruder behielt den Rest Land, bis 1997; Bauland im Dorfbereich besitzt er aber bis heute.







Bevor um 1913 die Teerstraße nach Majenfelde errichtet wurde, gab es dorthin eine unbefestigte Querverbindung ab heutigem Braaker Weg durch Wald und Feld. Restspuren dieses Weges gibt es noch heute. [Frau Hamke macht einige Erläuterungen mit Hilfe eines Katasterplans]. Nächste Frage, wie lange hatte Liensfeld eine Dorfschule. Das weiß ich nicht. Wir sind wie gesagt im Juli 1929 hierher gezogen, und ich wurde in die Dorfschule [siehe großes Haus an der Straße „Schulberg“] übernommen. Auf beiden Fotos in der Seite „Dorfchronik“ bin ich zu sehen, auf der Aufnahme von um 1933 - 4. von unten rechts, auf der von etwa 1935 in 4. Reihe von unten - 8. von rechts. Auch Hans Kühl ist auf beiden Fotos zu sehen. Viele darauf sind verstorben oder weggezogen, also für Liensfeld nicht mehr von Bedeutung?







Kriegsbeginn 1939: Am 27. August wurde mein Vater eingezogen. Trotz des Hofbetriebs. Wir waren da ja schon rund 10 Jahre hier in der Bauernschaft in Liensfeld. Wie der Zusammenhalt im Dorf war? Ein Beispiel: Ein Rentner wohnte nahe den Sieverts; der hat dort auch noch gearbeitet. Der hat Mutter – während Vaters Abwesenheit – z. B. auf dem Feld gut zur Seite gestanden. Sogar der Kaufmann war unterstützend dabei. Vater kam aber schon kurz vor Weihnachten 1939 unverletzt zurück von der Front, da er als Landwirt wohl wichtiger war? Ob es Fehden im Dorf gab, oder hat man sich bekriegt? Doch, im Kleinen: Das war damals in der Meierei. Das war ja eine Genossenschaftsmeierei. Da ging es um Hygiene, d. h. Bauer Sievert meinte, die Milchsiebe müssten ausgewechselt werden, während Vater sagte, sie seien sauber, das täte nicht nötig. Mit seiner Milchleistung war Vater ihm auch ziemlich auf den Fersen. Ich erinnere, dass darüber ein großer Streit entbrannte. Der andere Bauer konnte sehr cholerisch werden, beruhigte sich nach einer solchen Entladung aber sehr schnell, nicht so Vater. Er wollte die Milchlieferung einstellen. Kurz danach wollte Vater nach Eutin fahren. Sievert kam mit einem Pferdefuhrwerk und meinte zu ihm in meinem Beisein „Hamke, willst’ noo eutin mitfahren?“. Das tat er. Vater hat dann nichts mehr gesagt. Großen Streit in der Dorfschaft dagegen erinnere ich nicht.







Wie es damals mit der „Hitlerei“ - es waren ja nicht nur Bauern hier - war? Politische Feindschaften? Na ja, wo Bauer Schramm früher wohnte [H.-H.-Sievert-Str. 4], die hatten dreizehn Kinder, deren acht Jungs, die waren sehr dafür. Zwei sind schon früher gestorben [einer z B. an Lungenentzündung], von den anderen sind, soweit ich mich erinnere, alle bis auf einen aus dem Krieg zurückgekommen. Wie war’s mit anderen? Hans-Heinrich Sieverts jüngerer Bruder Kurt – der eigentlich den Hof übernehmen sollte - wurde zu späterer Zeit als mein Vater eingezogen. Hans Sievert senior war schon damals zu alt für den Kriegsdienst. Kurze Zeit später in Russland war Kurt gleich weg. Es war auch noch eine Tochter, Anneliese Sievert, vorhanden, die später einen Bauern heiratete. Damals hinter unserem Hof Hamke in Klein Nordende, bei Onkel Julius, ein Vetter großväterlicherseits: der hatte vier Söhne, die waren beinahe alle weg, wenn nicht Großvater den verletzten Jüngsten aus einem Lazarett aus Süddeutschland nach hier zurückgeholt hätte. Über Verluste steht wohl etwas in der Dorfchronik?






WIR HABEN AUCH EINEN BEKANNTENKREIS, WO WIR UNS AB UND AN TREFFEN, WIE EHEMALIGE KLASSENKAMERADINNEN, Z. B. ABER AUCH ERICH KLEES, FRÜHER LIENSFELD, Z. B. KETZNER VOM WINDBERG, FRAU DOHM. ZULETZT TRAFEN WIR UNS IM NEUDORFER HOF EUTIN, NÄCHSTEN ZUSAMMENKUNFT VORAUSSICHTLICH IRGENDWANN IM MAI. WIR SIND DORT NICHT NUR ALTEINGESSENE LIENSFELDER, SONDERN AUCH EINIGE FLÜCHTLINGE, DIE ES DAMALS ZU UNS VERSCHLAGEN HAT. DORT WIRD NATÜRLICH VIELES DURCHGESPROCHEN.






Was die „Braunen“ anbelangt, hier in Liensfeld erinnere ich keine Parteiumzüge, auch im Zusammenhang mit unserer Freiwilligen Feuerwehr nicht. Es stimmt, dass Hitler wohl mal bis Eutin gereist war, aber in unserem kleinen Dorf hat man äußerlich nicht viel gemerkt. Politische Schulung in unserer Dorfschule [Beeinflussung?] Erinnere ich nicht. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter gab es hier. Es war hier ein Lager, im Bereich des Hauses gegenüber der heutigen Feuerwehrstation [damals zum Hof Windberg gehörend]. Wir hatten auch zeitweise einen Helfer auf der Hofstelle, einen Belgier. Um Kriegsende lagen hier in Scheunen eine große Anzahl vor Soldaten (Russen u. a.), bevor sie in ihre Heimat zurück gebracht wurden. Die kamen dann auch schon mal zu uns auf den Hof, um nach Essen zu fragen. Mutter hat ihnen auch, soweit wir konnten, was abgegeben. Mutter sagte zuletzt „jetzt hepp’ ich bald keen pott mehr“! Bei diesen Leuten handelte es sich um das Zwangspersonal, dass die Werften entlassen hatten. Ein Russe namens „Peter“ hat dann bei uns gearbeitet. Ein ganz lieber Kerl. Ich meine, dass meine Eltern sich hätten dessen Heimatanschrift geben lassen sollen, als er abzog, um zu erfahren, wie er zu Hause angekommen ist. Und was die Unterbringung bei Sieverts anbelangt: Da wollten wir dreschen, und ich habe dort nach Peter geschickt, und er radebrechte „ich bey Hamke dreeschen“. Und er freute sich. Mehrere waren schon entlassen, und mein Vater sagte zu ihm, Peter, Vorsicht, du gefährdest deine baldige Rückkehr! Die Zwangsarbeiter waren als Erntehelfer eingesetzt. Eine große Menge war das nicht. Große politische Debatten gab es jetzt nicht mehr, Vater und andere Bauern gingen reiheherum eine Art Streife durchs Dorf, um eventuell Räuber wegzujagen. Ein Schießeisen habe ich bei meinem Vater nicht gesehen. Vater kam einmal von der Rübenpflanzung vom Feld und berichtete von Mundraub. Sonst weiß ich nichts. Vom Kriegsverlauf habe ich nicht viel mitbekommen. Wir hatten zwar ein Radio. Aber ich war ein unpolitisches junges Mädchen. Erst Februar 1945 kamen immer mehr Flüchtlinge (Ausgebombte) hier ins Dorf. Vorher waren das nur wenige aus Kiel gewesen. An einige aus Kiel erinnere ich mich noch, die waren bei ihren Verwandten in der heutigen H.-H.-Sievert-Straße untergekommen. Die Kinder kamen zu uns auf den Hof, und sie haben spielerisch auf einem Schwein „geritten“! Dann war Kriegsende. Es sind dann nacheinander die Kriegsteilnehmer von hier ins Dorf zurückgekommen. Aus dem Hause Bockwolt, Malersohn Evers usw. Man kann nicht sagen, dass die Dorfbewohner erleichtert waren, sondern eher „bedröppelt“, als Mai 1945 der Krieg aus war. Hier im Wald hinter dem Dorf, was haben die Soldaten da alles an Waffen, Munition und anderes abgeladen. Später waren viele da hinter her; ich glaube nicht, dass noch etwas zu finden ist. Ich weiß nicht, ob die Eltern schnell noch Hakenkreuzfahnen und ähnliches verschwinden ließen. Ich habe mich auch nicht darum gekümmert, zum Beispiel ob und wer hier großer Parteibonze war. Es kamen dann viele englische Soldaten ins Dorf. Auf unserem Feld, wo heute Wehrführers Schafe weiden, da waren Engländer stationiert. Wenn wir beim Melken waren und sie Milch haben wollten, kriegten sie sie. Dann gab es bei allen Hausdurchsuchung. Bei uns haben sie auch etwas mitgenommen. Als sie die dunkle Feuerwehruniform sahen, gab’s wegen der Ähnlichkeit mit der Militäruniform erst große Aufregung, bis Vater deren Bedeutung ausreichend klar gemacht hatte. Schmuck war anschließend auch weg. In einem Haus, das nahe dem Sievert’schen Hof stand, wohnte eine geflüchtete Deutsch-Russin namens „von Fühnen“, die war viel mit den Engländern wegen Verwaltungsgängen unterwegs. Sie kümmerte sich nicht nur um die Engländer, sondern auch um die Bevölkerung. Sie erkundigte sich auch bei uns nach der Haussuchung, und ob was mitgenommen wurde. Meine Eltern haben geschwiegen, wollten erst nichts sagen, haben dann jedoch informiert. Die Dame sagte, dass sei nicht richtig, die Durchsuchung bezog sich doch nur auf Militärisches. Und, wir haben das Entwendete auch wiedergekriegt, Vater und Mutter wollten das zuerst gar nicht glauben. Woher die Deutsch-Russin – und ihre Schwester auch noch und mit drei oder vier Kindern – kam, weiß ich nicht.






DAS SCHLIMME IST JA, DASS MAN SICH SPÄTER NIEMALS DARÜBER UNTERHALTEN HAT, WAS SO WAR. WEN INTERESSIERT DAS NOCH? WENN MEIN NEFFE SCHREIBT, WENN ER AUF BALI WAR ODER IN ÄTHIOPIEN, DANN SCHREIBT ER ÜBER LAND UND LEUTE DORT, WAS H I E R SO IST UND WAR, INTERESSIERT IHN NICHT SEHR! SO IST DAS ! [Die Interviewte ist inzwischen im Seniorenheim].





NUN WEITER: Nach dem Krieg wurden wegen der Flüchtlinge durch Ausgründung weitere Höfe geschaffen, wie einer in Windberg.




Was war denn mit Mord und Totschlag im Dorf? Nein. Nur etwa 1958 die Sache mit dem aufgefundenen toten Baby [siehe Chronik]. Mir ist nicht bekannt, ob man herausfand, wer die Mutter war. In der Zeitung stand nichts? Sonst kein Kapitalverbrechen bekannt. Im Dorf ist mir auch nie ein Farbiger oder eine Türkengruppe oder ähnliches begegnet. Gegen Ausländer habe ich nichts. Immerhin bin ich von 1948 bis 1972 dreimal im Jahr per Bus nach Lübeck gefahren. Wenn ich daran denke, wie die Zeiten waren; alten Leuten Platz zu machen oder anzubieten? Ich fuhr einmal mit einem Schulbus und fragte dort eine Jüngere, ob sie eine Tasche beiseite nehmen könne, damit ich Sitzplatz bekäme. Keine Reaktion. Als ich einmal für etwa 14 Tage im Rheinland war, und ja, selbst in Paris, wo wir per vollem Bus zu einer Landwirtschaftsausstellung fuhren, dort stand ein Schwarzer auf, um mir seinen Platz anzubieten. So was habe ich auch im Rheinland erlebt. Aber hier – im Norden -, man darf dass eigentlich nicht sagen, aber Mangel an Erziehung? In anderen Ländern, Frankreich, Spanien, dort sind die Menschen eigentlich hilfsbereiter als hier! Also, nichts gegen „Ausländer“. In den neuen Bundesländern habe ich keine Verwandten. Dem Abend vor dem Fall der Mauer haben wir bei Nachbarin deren glaube ich 50. gefeiert. Nächsten Tag war das Ereignis da! Was meine Befürchtung in den Jahren zuvor war eher, gibt es wieder einen Krieg? Ich weiß nicht, ich kenn mich da nicht aus, was man dort dem Volk und deren Wehrmacht eingetrichtert hat.






Nach dem Kriege und anschließenden Jahren haben nach und nach die dorfaltansässigen Gewerbe aufgegeben, wie z. B. die Schusterei [Haus steht z. Zt. zum Verkauf], die Schmiede [Schmied waren Schramm, dann Kramer, am Ende von Burkner]. Dann das [verpachtete] Kaufhaus Steffen und die dortige Gaststätte [Folge um 1978: Bau des Dorfgemeinschafts- schulungsraumes]. Es ist ja so, wer selbständig ist und dessen Kinder keine Lust an der Fortführung des Betriebes haben, der stellt das Geschäft ein, wenn sich kein neuer Interessent findet. Das Kaufhausgebäude nebst großem Grundstück wurde verkauft und es wurden Wohnungen eingebaut; die Hausbesitzer haben auch schon gewechselt. In 1986 hat dann als letzter Maler Hilger geschlossen.





[ I. v. ]








Dora Hamke berichtet



[ ~ 1 Min. ]













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