Gemeindefeuerwehrtage
Frau Hamke erinnert sich
Frau Dohm erinnert sich
Frau Zimmer berichtet
Herr Kramer berichtet
Herr Didwißus berichtet
Frau Runge berichtet
Bericht über einen Käthner-Hof

 



 





SIE FRAGEN NACH HISTORIE UND DEN UMSTÄNDEN EINES KLEINEN LANDWIRTSCHAFTLI-
CHEN BETRIEBS IN LIENSFELD AB VOR DEM ERSTEN UND NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG? DAZU WILL ICH GERNE – SOWEIT ES MIR MÖGLICH IST UND ICH VOM HÖRENSAGEN, AUCH NACH RÜCKSPRACHE MIT VERWANDTEN, WEISS – ETWAS BERICHTEN. ALSO FANGEN WIR AN:










Mein Name ist Renate Runge, geb. Bruechmann.



  In 2014



Mutter Frieda war eine geborene Grage. Ich bin 1942 auf dem Grage-Hof in Liensfeld geboren und habe eine Schwester. Seit 1965 ich bin verheiratet mit Helmut Runge. Wir wohnen seit 1970 in Fissau. Wir haben zwei Kinder.




Über den Hof



Meiner Großfamilie mütterlicherseits gehörte das Haus in Liensfeld mit Garten an der heutigen Ecke "Am Heller" [Nr. 4] / "Im Dorfe" mit landwirtschaftlichen Nutzflächen in Richtung Hellenrade, Windberg und Kiekbusch. Es handelt sich um ein sogenanntes „Käthner“-Haus, welches der Urgroßvater Grage wohl um 1860 herum erworben hatte. In diesem Zusammenhang ist in der Sarauer Kirchchronik auch von einem Grage die Rede; die Angaben dort sind für mich aber unklar.


Heinrich Grage, geb. 1866, und seine Ehefrau Lucie, geb. Sell, geb. 1876, waren dann die zweite Generation.


Das Gebäude ist wohl eines der ältesten in Liensfeld. Es soll um 1742 erstmalig errichtet bzw. erwähnt sein. Das älteste Haus-Foto, das ich habe, ist beigefügt.



Grage Haus noch mit Reetdach [Familienfoto der Grages, vor 1910]



Noch vorhanden ist:






 

Heinrich Grage (1866-1942) [Auf seinem Feld um 1920]




Anscheinend um 1910 herum ist das Haus mit seinem Strohdach abgebrannt; Ursache und in welchem Umfange weiß ich nicht. Wenigstens wurde es mit einem Zink-Dach versehen wieder errichtet [Link:
Foto siehe Homepage-Seite „Olga Bussmann“]. So habe ich es auch außen in Erinnerung. Ich habe einmal eine schematische Darstellung des Grundrisses erstellt, wie ich ihn von damals erinnere [siehe PDF [80 KB] ]. Den Hill konnte man nur gebückt betreten. Wenn Fuhrwerk in die Diele einfuhr, mussten die abgeschirrten Pferde über die Küche nach hinten herausgeführt werden. Großeltern hatten 12 Kinder [davon 2 als Säuglinge verstorben]. Während des ersten Weltkrieges ist der zweitälteste Sohn Otto gefallen. Von Heinrichs Kindern war der Sohn Hans als Hoferbe vorgesehen. Er hatte mit seiner Ehefrau Martha 5 Kinder. Kurz vor Kriegsende Weltkrieg II ist er aber als Soldat gefallen, so dass alle Last auf Großmutter Lucies Schulter lag, denn auch ihr Ehemann war kurz vorher in Liensfeld 1942 verstorben. Sie hat dann mehr recht als schlecht in der Nachkriegszeit die Landwirtschaft [Weizenanbau, Weidewirtschaft, kleine Viehwirtschaft] mit Assistenz ihrer ja zahlreichen Familienmitglieder aufrecht erhalten [Ergebnis max. 8 to].






 

Großmutter Lucie mit ihren Enkeltöchtern [Meine Schwester Angelika und ich etwa 1949]

Großmutter verstarb 1965.



Einige Unterstützung leistete Hans Grage‘s Bruder Willy, der letztlich um 1970 herum quasi „per ordre de Mufti“ für die Grage--Sippe entschied, das Anwesen an die Familie Bussmann zu verkaufen.



Zur damaligen Zeit



Sie fragen, was ich sonst noch aus Liensfeld erinnere? Auch hier muss ich mich teilweise auf Hörensagen mit entsprechendem Vorbehalt zurückziehen. Ich war ja noch Kind bzw. Jugendliche. Also: Die dem Grage-Haus gegenüber liegende "Alte Stellmacherei" der Marie Wulf, Pächter Bode, [heute gehört sie den Minks] ist plötzlich [wohl nach Kurzschluss] abgebrannt; danach auch wieder errichtet. Neuer Pächter Jonny Buck. Dessen einziger Sohn Rudolf berührte eine E-Stromleitung und kam ums Leben. Frau Wulf hat sich übrigens erhängt. Umliegende Häuser hier hatten regelmäßig Wassermangel und mussten sich aus dem Brunnen der Dorfschule [Ecke K 33 / Am Schulberg] versorgen. Dort sammelten sich regelmäßig nach Kriegsende auch Gruppen von Zigeunern, Oma sagte immer, "mok de Duern tau, Duern tau!"! Meist fehlte nach Abzug der Sippen etwas [Wäsche, Hühner etc.]. Klar: Ich selbst habe nichts gegen das fahrende Volk! So war das aber damals! Im Sprachgebrauch teilten wir Liensfeld, mit Grenze Kaufhaus Steffen, in Unter- [Richtung Schule] und [jenseits Steffen] in Oberdorf auf. Die Ober- und Unterdorf-Jugendliche „bekriegten“ sich hin und wieder, um ihre Reviere zu behaupten. Der Dorf-/Löschteich war ganz flach; die Bauern fuhren ihre Spannwagen dort zwecks Reinigung hinein. Aus Familienbericht erinnere ich noch aus zirka 1944 folgende Story über den „verlorenen Sohn“: Hans-Heinrich – Sohn von Hans Grage – fuhr mit zum Schrot holen nach Sarau. Sein Begleiter Klaus Finck kehrte dann mit dem Fuhrwerk allein nach Liensfeld zurück. Wo war Klein Hans-Heinrich [4-jährig] geblieben? Er blieb verschwunden. Große Aufregung. Später zeigte sich, dass er langsam zu dem Weiler Altenweide gebummelt war. Von den dortigen Dörflern wurde er entdeckt. Erst einmal ausreichend verköstigt. Frage dann: Wo kommst Du her? Wie heißt Du? "Weiß nicht!" Großes Nachdenken. Dann letzte Frage vor Einschaltung von Polizei: Wo kauft denn deine Mutter immer den Zucker? Klein Hans-Heinrich: „Bei Steffen“. Der Laden war ja allseits bekannt. Oh Freude, nach einem Tag der Ungewissheit war das Kind wieder zu Hause in Liensfeld! Im Dorf wurde intern vor dem Orts-Schupo Ballerstein gewarnt, der im Krieg die Güterabgaben überwachte und des Nachts [bis 1945] um die Häuser strich; er galt als strenger „PG“! Ob zu Recht? Dann erfolgte bei uns Flüchtlingseinquartierung. Von einem abgestürzten Fallschirmspringer haben die Liensfelder den Schirm geborgen, wobei auch meine Mutter vom Stoff und den Schnüren etwas für ihre Nähkünste abbekam. Nach Kriegsende folgte die Britenbesatzung auch hier in Liensfeld, wozu ja die Damen Hamke und Dhom in ihren Interviews schon etwas berichtet haben. Um 1950 herum erinnere ich noch, dass ein kleines Mädchen aus Liensfeld beim Schlittenfahren beim Sturz in einen Stacheldrahtzaun ein Auge verlor. Was heutzutage kaum noch stattfindet, damals aber Gang und Gebe war: Dauernd kamen durchreisende Händler verkaufend durchs Dorf, die sich mit einer Glocke bemerkbar machten, wie: a) Als Sammler (rief): Eisen, Lumpen, Knochen und Papier, "ausgeschlagene Zähne sammeln wir". b) Scherenschleifer. c) Fischhändler. d) Bäcker. e) Zeughändler „ …de Lübecker“. f) Pullover, Schürzen, Unterwäsche „ …de billige Hans“. g) Es kam auch „Audi“ Kloth. Er nannte sich "Klein Karstadt". Er fing immer an mit einem „Schönen Gruß aus der Rosenstadt Eutin“ und beschaffte alles, was die Dörfler so aus der Stadt haben wollten. Er war quasi eine lebende Zeitung. Er vermittelte alles, sogar Arbeitsangebote. Schließlich zu nennen h) Nähgarn, Schuhbänder usw. per Fahrrad der „ …Graul ut Eutin“. Großmutter hat von denen viel gekauft. Unbeschadet der sonstigen Verkaufsstellen hier im Dorf (wie Steffen und Kühl).



Das Grage-Haus ist auch auf der Eingangspostkarte auf Seite „Ältere Fotos“ abgebildet.





ABSCHLIESSEND: WIE MAN SIEHT, KANN ICH ÜBER DEN KRIEG HIER ALTERSBEDINGT WENIG BERICHTEN. MEIN KONTAKT ZU LIENSFELD – WO ICH [WIE AUCH MEINE SCHWESTER] NOCH DIE DORFSCHULE BESUCHT HABE UND DAHER VIELE KENNE – IST AUCH NACH WEGZOG NICHT ABGEBROCHEN.



Interview R. Runge /
P. H. Radtke
25.03. / 04.+16.04.2014



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www.dorfgemeinschaft-liensfeld.de