Gemeindefeuerwehrtage
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Frau Dohm erinnert sich
Frau Zimmer berichtet
Herr Kramer berichtet
Herr Didwißus berichtet
Frau Runge berichtet
Interviewtexte, Grafiken, Fotos zu H.-H. Sievert









Über einen großen Sportsmann

Der Zehnkämpfer Hans-Heinrich Sievert 







ES FREUT MICH, DASS MAN SICH AM WOHNORT MEINES VATERS HANS HEINRICH SIEVERT IMMER NOCH AN IHN ERINNERT, NICHT ZULETZT GEZEIGT DURCH DIE STRASSENBENENNUNG IM BEREICH UNSERES FRÜHEREN HOFES. IM EINZELNEN KANN ICH BERICHTEN:





KURZ ZU MIR: MEIN NAME IST NORGARD ZIMMER, GEB. SIEVERT. ICH BIN MIT GÜNTER ZIMMER VERHEIRATET. WIR WOHNEN IN GRAFING BEI MÜNCHEN. ICH HABE EINE TOCHTER. AUCH EIN ENKELKIND. MEINE SCHWESTER GISELA S. WOHNT IN MÜNCHEN.





Norgard Zimmer in 2008   





ZUR FAMILIENGESCHICHTE:





Den landwirtschaftlichen Betrieb in Liensfeld hatten meine Großeltern Hans und Helene Sievert, geb. Höper, 1911 erworben und dann bewirtschaftet. Es handelte sich um einen Bauernhof von 86 ha, plus 14 ha Pachtland, der sowohl Vieh- als auch Ackerwirtschaft umfasste. Großvater hatte zuvor als Gutsinspektor gearbeitet. Sie hatten drei Kinder, nämlich die Tochter Anneliese [1908] und die Söhne Hans-Heinrich [1909] und Kurt [1913]. Letztgenannter ist – wie in der Dorfchronik bereits festgehalten – im 2. Weltkrieg gefallen. Tochter Anneliese und Sohn Hans-Heinrich [er ab 1916] haben zuerst die Dorfschule Liensfeld besucht und dann auf das Eutiner Gymnasium gewechselt. Man bedenke damals das Problem des Hin- und Rückwegs. Großvater musste dazu extra eine kleine Pferdekutsche, anfänglich sogar mit Kutscher, bereitstellen [Alternative Fahrrad]. Beide Kinder waren talentiert, und in der Leistung in der Klassenspitze. Hans-Heinrichs Schwester gründete 1949 übrigens den Landfrauenverein in Schleswig-Holstein, dessen Vorsitzende sie 25 Jahre lang war. Auf meine Tante Anneliese gehe ich, da sie nach Heirat mit dem Landwirt August Höper nach Antoinettenhof im Kreis Oldenburg i. Holst. umzog, nicht weiter ein. Nach Abschluss des Reform-Real-Gymnasiums 1929 in Eutin absolvierte mein Vater ein Jurastudium an den Universitäten in Kiel, Halle a. d. Saale und Hamburg [zum Teil unterbrochen durch seine sportlichen Aktivitäten]. 1935 erfolgte das Referendar-Examen. In Hamburg dann Assessor und Tätigkeit als Amtsrichter. 1938 promovierte er zum Doktor juris beider Rechte. [Dissertation: Der Ehegattenerbhof / von: Hans-Heinrich Sievert Hamburg, Univ., Diss., 1938 - 1940. - 65 S.] Unterbrechung ergab sich durch den 2. Weltkrieg. Er wurde am 06. Mai 1940 zum Kriegsdienst eingezogen. Sein letzter Dienstgrad war Oberleutnant d. R.. Gegen Kriegsende trat er bei Kampfhandlungen im Osten auf eine Mine, wobei durch die Explosion sein rechtes Bein unterhalb des Knies stark verwundet wurde. Er konnte anfangs noch operiert werden, verlor den unteren Teil des Beins aber kurze Zeit später. Das tat seiner beruflichen Karriere jedoch keinen Abbruch. Ab 1946 war er - wie gesagt - Amtsgerichtsrat in Hamburg. Von 1953 bis 1958 war er Sportreferent im Bundesinnenministerium in Bonn im Rang eines Regierungsdirektors. Großmutter Helene starb 1950, Großvater Hans verstarb 1955. Der Hof wurde dann von einem Verwalter bewirtschaftet.





Auf dem Hof

Hans Sievert und Hans-Heinrich gehen zur Jagd 1934   Die drei Kinder Hans Sievert's 1919




Hans-Heinrich Sievert mit seinen Eltern

   
  Ende der 20er Jahre v. Jh.  





Hans-Heinrich Sievert heiratete 1938 meine Mutter Ruth, geb. Hagemann, aus Hamburg. Mutter war ebenso wie Vater sportbegeistert und damals in der Norddeutschen Meisterschaft im 5-Kampf die beste. Es wurden zwei Töchter geboren, nämlich meine Schwester Gisela [1940] und ich: Norgard [1942].





und seiner Familie

Hans-Heinrich Sievert und Ruth Hagemann vor 1938   Hans-Heinrich Sievert mit seiner "Damenriege" 1950 [Von links Norgard, Gisela und Ruth]




Vater beaufsichtige die Verwaltung des Hofes. Er kam so oft wie möglich aus Bonn zur Unterstützung angereist. Nach seiner Pensionierung 1958 nahm er das Heft in Liensfeld wieder selbst in die Hand. Er bewährte sich als erfolgreicher Rinderzüchter. Frau Irma Schmahl führte die Hauswirtschaft [wie schon zu Großvaters Lebzeiten]. Mutter musste derweil sieben Jahre lang ihre betagten Eltern pflegen. Wir Töchter waren schon außer Haus. Als Vater 1963 früh starb – die älteste Gisela erbte nach schleswig-holsteinischem Höferecht das Anwesen - beschlossen wir dann schweren Herzens den Bauernhof erst zu verpachten [an einen Cousin] und ihn schließlich doch zu verkaufen. [bis 2009 bewirtschaftet vom Landwirt Bernd Kallmeyer]. Mutter ging zu meiner Schwester Gisela nach München. Sie ist 1976 gestorben.








 






 

Heute Hof Kallmeyer 2009 [ H. Schröder ]





 






ZU DEN SPORTLICHEN AKTIVITÄTEN VATERS:



Zur sportlichen Leistung



Mit etwas Verzögerung erwachte bei Hans-Heinrich Sievert das Interesse an der Leichtathletik. Wir schreiben das Jahr 1925. Über erstes Bemühen im Dreikampf kommt er schnell hinaus. Er stellt fest, dass er bei intensivem Bemühen bei einigen Leichtathletik- Disziplinen Leistungsspitzen erreicht, die es ihm vielleicht möglich machen, in die Weltspitze vorzudringen. Man muss die damalige Zeit mit ihren eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten für Springen, Stoßen, Werfen, Laufen für einen Bauernsohn aus einem kleinen ländlichen Weiler bedenken. Mittels Latten wurden auf dem Bauernhof Hürdenlauf- Hindernisse konstruiert, im Garten wurde eine Grube ausgehoben und mit Sand gefüllt, um Weitsprünge zu üben usw.





Diskuswurftraining in Liensfeld vor 1934   Schon 1934 liegt eine grosse Madaillen - Ausbeute vor  






Weiter: In 1926 bemustert der damalige deutsche Leichtathletikverband das Land nach fähigen Sportlern, wo Hans-Heinrich sofort positiv auffällt. Zusammen mit anderen wird er zum Kursus zur „Hochschule für Leibesübungen“ nach Berlin eingeladen, wo sein Training zum 10-Kampf systematisiert wird. Ab 1927 fährt er sogar zum Training in die Eimsbütteler Hallen nach Hamburg. Auf folgendes muss man bei der Gelegenheit hinweisen: Der Sportler ist immer einmal von Verletzungspech betroffen. Nicht anders war es auch bei Vater. Das bedeutete immer Unterbrechung, unter Umständen im Beruf und jeweils mühsames Neutrainieren der zehn Disziplinen nach Rekonvaleszenz. 1931; d. h. mit 22 Jahren, wurde er erstmals deutscher Meister im Zehnkampf mit einer Punktezahl von ~7.875 [= deutscher Rekord; Weltrekord des Finnen Järvinen damals 8.255]. Zu seiner Zeit waren die sportlichen Ziele die Olympischen Spiele von Amsterdam 1928, von Los Angeles 1932 und 1936 in Berlin. Für Amsterdam hatte Vater bereits ein geeignetes Leistungsniveau im 10-Kampf [er war 18], kam jedoch verletzungsbedingt noch nicht zum Zuge, in Los Angeles war er dabei. Die deutsche Mannschaft reiste wie damals üblich per Schiff an. Laut Vater war das eine gesellige und lustige, zirka zehntätige Reise. Der Zehnkampf verlief für ihn vielversprechend. Am Ende des ersten Tages lag er an dritter Stelle. Am zweiten Tage, nach der siebten Übung, dem Diskuswurf, lag er an erster Stelle! Während des Stabhochsprungs musste er dann die Hoffnung auf eine Medaille begraben: Bei der Landung des letzten Sprunges verletzte er sich an den damals langen Nägeln seiner Spikes, wobei sich Nägel in die Achillesferse bohrten, und er eine tiefe Fleischwunde davontrug. Mit dieser Verletzung konnte er den Speer [neunte Übung] nur aus dem Stand mit 53,91 m werfen, also noch eine beachtliche Leistung. Humpelnd, mit sich und jedem Meter kämpfend, legte er den 1.500 m lauf [letzte Übung] in 5:18 Min. zurück. Gesamtergebnis war dann immerhin noch ein ehrenvoller fünfter Platz. Seine Sportkameraden und Freunde berichteten mir später, dass mein Vater immer ein guter Verlierer gewesen sei – das ist auch ein „Gewinn“ fürs Leben! Die Sportjournalisten der USA wählte ihn sogar 1934, n a c h seinem Weltrekord, zum „Weltbesten Sportler“, und sein Name wurde in LA auf einem Obelisken verewigt [Hall of fame]. Auch hierzulande wurde er als vorbildlich für die Jugend hingestellt. 1931 und 1933 war er deutscher Meister. 1934 stellte er in Hamburg einen Weltrekord im 10-Kampf mit 8.790,46 Punkten auf. Ein schöner Einzelsieg fand in diesem Jahr in Berlin bei einem Länderkampf zwischen Deutschland und Finnland statt. Der Gesamtsieg hing von dem Ergebnis des Diskuswerfens ab: Der Kampf stand auf des Messers Schneide. Zwei Finnen lagen vorn. 45.000 Zuschauer sahen voller Spannung Vaters entscheidendem letzten Wurf zu. Welch ein Jubel, denn sein Diskus landete über die zwei Finnenflaggen hinaus. Der Länderkampf war zugunsten Deutschlands entschieden! Noch 1934 in Turin gewann er im Zehnkampf dann die Europameisterschaft. Das nächste Ziel waren die Olympischen Spiele 1936 in Berlin in seinem Heimatland. Leider litt er gerade dann unter einer fiebrigen Angina, so dass er nur zum Kugelstoßen angetreten war. Er wurde Zehnter. Der Leistungszenit war irgendwann überschritten.
Nur noch erwähnenswert: 1938 mit 30 Jahren, ein Zehnkampf-Comeback: Deutscher Meister mit 7.467 Punkten. 1940 beendete er seine sportliche Laufbahn. Die markantesten Ergebnisse habe ich in einer Aufstellung zusammengefasst, die der Interessierte hier einsehen kann [ Ausarbeitung.datei.lvzehnkampf.pdf [16 KB] ]. (Wieder zu Schließen über oben links mittels „Zurück“). Auch eine Auflistung der in der Vergangenheit im Zehnkampf erreichten Weltrekorde kann ich beigefügen [ Tabelle.weltrekordentwicklung_punktezahl.pdf [42 KB] ]. Wie man daraus entnehmen kann, wurde die Punktrechnung nicht weniger als viermal geändert. Somit sind die erzielten Punkte nicht mehr vergleichbar; so auch wegen des Einsatzes technischer Sportausrüstung (Schuhe, Stab etc.). Sowie Ausstattung der Sportstätten (Tartanbahn, elektronische Startblöcke etc.).





Im Wettbewerb

   
  Speerwurf beim Weltrekord in Hamburg 1934   




Kugelstoss beim Weltrekord in Hamburg 1934   Diskuswerfer H.-H. Sievert [Broschüre Pohl-Duckerei und Verlagsanstalt, Celle, 1972]  




Geschafft

   
  Erschöpfung nach dem Rekord 1934
[Von der Olympiade Los Angeles und EM in Turin liegen hier keine Bilder vor]  
 




1936






 

In Berlin [war er außer Form]

[ H.-H. Sievert 1936 ~ 0,35 Sek. ]













 

Film Sequenzen ?







Zu seinen Ehren wurden später Sportstätten benannt, und es wurde der „Dr. Hans-Heinrich-Sievert-Preis“ für Sportsleistungen gestiftet; u. Ä.



[ I. v. ]





[Alle Aufnahmen aus dem Familienfotoalbum bzw. Fundus der Sievert's]

PS.:

[Herr Allessandro Alviani, Berlin, war so nett einmal 2011 im Archiv der „LA STAMPA“ nachzufragen, ob dort Fotos von H. H. Sievert während der EM 1934 vorhanden seien. Ihm wird gesagt, dass in der Tat von damals ein Artikel mit Foto von ihm existiert, dass man aber die Rechte an diesem Foto nicht selbst habe, auch nicht wisse, wo sie heute liegen. Wie dem auch sei, nach dortiger Usance könne man es nicht herausrücken, woran Herr Alviani nichts ändern kann!]





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