Gemeindefeuerwehrtage
Frau Hamke erinnert sich
Frau Dohm erinnert sich
Frau Zimmer berichtet
Herr Kramer berichtet
Herr Didwißus berichtet
Frau Runge berichtet
Berichte etc. zu seiner Zeit als Dorfschullehrer







Ich in Liensfeld 2o1o

   




Einleitung



Die Einladung von Euch nach über 60 Jahren zum 6. Treffen meiner Liensfelder Klasse führt meine Gedanken in ferne Zeiten zurück. Was lässt die Gemeinschaft über 6 Jahrzehnte so zusammenhalten? Ich will es zu erklären versuchen. Was Menschen aus der Erinnerung angeben, ist immer lückenhaft. Ich habe weniger den Alltag unseres einstigen Schulbetriebes in Erinnerung als die einprägsamen besonderen Ereignisse.





Einiges zu meinen Grundsätzen



Mein pädagogisches Ziel war menschliche Bereicherung. Diese ergab sich aus der Gemeinschaftserfahrung, die ich neben den Unterrichtsfächern versuchte zu vermitteln. Die Schüler sollten erfahren, welche erstaunliche moralische Lebensbindekraft von der Gemeinschaft von Gleichaltrigen in Erlebnissen ausgeht. Die Schüler sollten erfahren, dass die erlebte Gemeinschaft gradlinig das Bösewerden und Selbstsüchtigwerden des einzelnen Menschen ausschließt.





Die Arbeit mit der Jugend bedarf der musischen, sportlichen und lebensorientierenden Erlebnisgemeinschaft. Ihre Gestaltung muß menschliche Inseln mit Leuchttürmen bilden mitten in der Wettbewerbsgemeinschaft und Konsumgesellschaft. Das war immer dringlich und ist es heute mehr denn je. Wolfgang Borchert schrieb in seinem Gedicht: „ Ich möchte ein Leuchtturm sein in Nacht und Wind..."





Euer Mitschüler Karl-Heinz Mielke ist gewiss ein solcher. Über ein halbes Jahrhundert diente er in der Freiwilligen Feuerwehr seiner Gemeinde selbstlos, sechs Jahre davon als Wehrführer und auch als langjähriger Gemeindewehrführer. Horst Rompcik und Alex Plath leisteten Beachtliches in der Berufswelt. Jeder muß für sich selbst beurteilen ob er ein Leuchtturm ist in seiner Familie, im Beruf oder in der Gemeinschaft seiner Mitmenschen.







Ausfahrten und Klassenfeste



Oft denke ich zurück an die gemeinsamen gemeinschaftsbildenden Fahrten und Ausflüge. Das war die Fahrt mit Zelten und aufgesparter Schulspeisung in den Harz ( Kaiserpfalz Goslar, Bergwerk Hahnenklee, Wurmberg, Okertalsperre ), das war der achttägige Schüleraustausch mit einer Klasse in Neuwied am Rhein, woraus eine Freundschaft erwuchs, die Antje Bruhn nach 60 Jahren immer noch pflegt. Das war auch die mehrtägige Fahrt nach Husum, mit dem Erlebnis von Ebbe und Flut, die Fahrt nach Burg/ Dithmarschen, mit dem Gaudi der Schlafplätze im Heu und der Selbstverpflegung in der Waschküche, das war die Radtour nach Schieren bei Segeberg ebenfalls mit Übernachtung im Stroh und Besuch der Karl May Festspiele in Segeberg. Viele Wanderungen und Radtouren führten uns nach Bosau, Eutin, Plön, Malente und andere Orte.





Besondere Bedeutung maß ich dem Laienspiel zu, das nach Möglichkeit alle Schüler erfasste. Unvergesslich " Wie viel Erde braucht der Mensch" nach Leo Tolstoi. Die russischen Trachten wurden aus eingefärbten Kartoffelsäcken selbst geschneidert. Eine Glanzleistung erbrachte auch H. Horstmann als Mutter in dem Stück „ Die Mutter und der Tod". Ein Höhepunkt im Schulalltag war das alljährliche Vogelschießen, das Oswald Kramer in seinen Erinnerungen über Liensfeld ja gut beschreibt [siehe voranstehende Navigationsseite mit dem dortigen Foto des Klassenverbunds]. Die Schüler meiner Klasse schossen auf dem Hof des Bauern Wenzel (Dohm) mit dem Luftgewehr auf eine Scheibe. Am Nachmittag gab es ausgelassene Tänze auf dem Saal bei Karl Steffen, angereichert mit kleinen Spielen und Volkstänzen.







Zur sportlichen Ertüchtigung



Die örtlichen Gegebenheiten ließen wenig Raum für sportliche Erlebnisse. Es gab keinen Sportplatz, nicht mal ein Fleckchen für einen Bolzplatz konnte ich auftreiben. Der kleine, stark abfallende Schulhof eignete sich gerade für ein Völkerballspiel, welches auch in den Pausen oft gespielt wurde. Die Mädchen hatten mit bunten Bällen die Hauswand des Schulhauses eingenommen und spielten unentwegt „Brust-Arme- Kopf-Knie". Wer kennt diese Spiele heute noch? Heute ist Gerangel und Geprügel auf dem Schulhof angesagt. Bei trockenem Wetter begannen die Sportstunden mit Freiübungen und einem Dauerlauf nach Kiekbusch und zurück. Besser war allerdings der Dauerlauf durch das Dorf, da bissen auch die Trägen die Zähne zusammen und versuchten dranzubleiben, vor den Augen der Dorfbewohner wollte sich niemand blamieren.





und kultureller Bildung



Das Erlernen von Gedichten und Balladen schien mir wichtig. Heute spricht man in der Schule nur über den Inhalt der Gedichte, aber kein Kind kann ein Gedicht aufsagen. Wer erinnert sich noch oder kann ein Gedicht aufsagen? „ Ich hab es getragen sieben Jahr" - „ Die Frauen von Nidden" -„ Dies ist ein Herbsttag". Jeder Schultag begann mit einem gemeinsamen Lied, das förderte das Gemeinschaftsgefühl und führte auch zur Konzentration auf den Unterricht. Im Zeichenunterricht entstanden oft Gemeinschaftsarbeiten, die unsere Klasse (linke Tafel) schmückten. Besonders gute Zeichner waren A. Plath und H. Piek.





Über Erziehungsfragen



Die Eltern meiner Schüler standen immer voll hinter dem, was wir in der Schule taten. Beschwerden oder Auseinandersetzungen mit Eltern habe ich nie gehabt. Viele Familienväter waren im Krieg gefallen. Die Eltern waren froh, wenn ich neben meinem Amt als Lehrer auch die Vaterrolle einnahm. Ich erinnere mich an diesbezügliche Gespräche mit Frau Klees, Frau Borutta, Rompcik und Gutzeit. Belehrungen und Ermahnungen führten die Schüler nicht immer zum Ziel. So musste manchmal den Schülern die Grenze ihres Handelns aufgezeigt werden. In ganz seltenen Fällen geschah das mit einem kleinen Rohrstock auf der Handfläche. Körperliche Züchtigung war damals noch erlaubt, wurde aber in den 60er Jahren abgeschafft. Viele Flüchtlinge forderten mich auf, viel Eifer und Einsatz von ihren Kindern zu verlangen. Sie sagten: " Wir haben Heimat und Besitz verloren, behalten haben wir nur das, was in unseren Köpfen ist. Das konnte uns niemand nehmen. Damit können wir nun einen neuen Anfang in der Fremde beginnen."





Von Dorf und Dorfschule



Nach drei Jahren Kriegsdienst in Russland und Jugoslawien, einem Jahr Gefangenschaft und einem dreijährigen Studium trat ich am 3. Mai 1949 in Liensfeld als Junglehrer meine erste Stelle als Nachfolger von Walter Riedel an. Der Bus brachte mich von Eutin nach Majenfelde, nach Liensfeld gab es keine Busanbindung. Also musste ich mit zwei Koffern voller Bücher den vier Kilometer langen Weg zu Fuß nehmen. Als ich die Schule erreichte, fühlte ich meine Arme nicht mehr. Der Schulleiter Werner Rieschmüller empfing mich im Hühnerstall. „ Ich bin Prothesenträger, also werden Sie die Oberstufe mit 76 Schülern übernehmen!". Dann zeigte er mir meine Bleibe. Das Schulhaus bestand aus zwei Teilen. Die linke Hälfte hatte zwei Dienstwohnungen. Unten wohnte der Schulleiter, oben hauste ein Fräulein Anger mit Familienangehörigen, sie arbeitete jedoch an einer Eutiner Schule. Die rechte Haushälfte hatte unten zwei Klassenräume, oben einen Handarbeitsraum und eine kleine Wohnung für den Junglehrer. Diese Wohnung bewohnte ein Fräulein Johnsen, die in Liensfeld, Majenfelde, Braak und Klenzau den Handarbeitsunterricht erteilte. Der ca. 30 qm große Handarbeitsraum sollte meine Wohnung sein. Von der Decke war der Putz abgefallen, durch die undichten Fenster pfiff der Wind. Es gab weder einen Herd noch einen Ofen im Raum. Auf die Frage nach einer Schlafmöglichkeit, verwies mich Herr Rieschmüller an die Gastwirtschaft. „ Junger Mann" sagte dort Herr Steffen, …mein Haus ist bis zum Dach mit Flüchtlingen belegt. Ich kann ihnen allerdings mit einem Strohsack dienen, der auf dem Tanzsaal liegt". Herr Max Ehlers fuhr den Strohsack mit dem Trecker zur Schule. Danach unternahm ich einen Erkundungsgang durch den Ort. Auf den unbefestigten Straßen standen große und tiefe Wasserlachen, Bürgersteige gab es nicht. Zu allererst würde ich mir wohl Gummistiefel kaufen müssen. Der Ort bot aber alles, was man zum Leben brauchte: Da war die Schule, eine Polizeistation (Polizist Ballerstein), eine Meierei, eine Poststation mit Frau Bockwoldt, alle vier Wochen hielt Pastor Hesse einen evangelischen Gottesdienst in der Schule, einmal im Monat kam die fahrende Sparkasse in das Dorf, es gab einen Kaufmann mit Laden, Gastwirtschaft und Tanzsaal (Steffen), den Schmied Oswald Kramer, den Schuster Bockwoldt, einen Fleischer, einen Stellmacher und zwei Malermeister. Einmal in der Woche kam ein Fischhändler durch Liensfeld und ein Verkaufswagen der Firma „Arco“.







Reminiszenz



Einschub: Nach meinem Fortgang von Liensfeld bin ich hin und wieder unbeachtet und still durch das Dorf gegangen. Da stehen noch die großen Höfe der Bauern Friederichsen, Sievert (Kallmeyer), Wenzel (Dohm, jetzt Wülfken), Klees (Enninga), Ehlers und Finck (Struve), aber alles andere ist verschwunden. Der Ort macht einen toten Eindruck, wohnen kann man hier wohl noch aber – wie mir schien - nicht leben?





Wohnraumbeschränkung und über



In den nächsten Wochen wurde von der Gemeinde mein Wohnraum durch Pappwände unterteilt, in ein kleines Wohn- und Arbeitszimmer, einen Schlafraum ohne Fenster und eine sehr kleine Küche. Nach etwa 18 Monaten zog Fräulein Anger nach Eutin, und ich zog mit meiner Familie in die drei Zimmer oberhalb von Rieschmüller. Eine Plage waren die Besorgungen in Eutin, mitunter ging ich den Weg zu Fuß über den Windberg durch Klenzau und Braak. Es musste ein Fahrrad her! Eisern wurde dafür gespart. Das war nicht einfach. Als Junglehrer verdiente ich monatlich 180,00 DM, davon gingen 50,00 DM an die Bank.





Studien- und Lebensumstände




Seit der Währungsreform im Juli 1948 lebte und studierte ich nur von Schulden, und die mussten nun beglichen werden. Auch meine Frau sparte an allen Ecken. Kleidung wurde selbst gewebt und genäht, jede Wurstpelle wurde in der Suppe ausgekocht, um wenigstens ein paar Fettaugen hineinzubringen. Weihnachten 1950 war es dann so weit. Ich konnte mir ein Fahrrad leisten und später dazu einen Zweitakthilfsmotor der Firma Sachs.




 

Student in 1948



Kontrolle und Anerkenntnis



Am 19. Januar 1950 klopfte es kurz nach acht Uhr an unserer Klassentür. Da stand zu meinem Schreck der Schulrat Paulsen. „ Ich muß mich entschuldigen, erst jetzt habe ich bemerkt, dass Sie die Oberstufe haben. Das ist eigentlich nicht üblich. Einem Anfänger gibt man die Mittel- oder Unterstufe. Ich will mir ihren Unterricht einmal anschauen". Er blieb drei Stunden lang. Ich gab Mathematik, Geschichte und Erdkunde. Damals musste ein Volksschullehrer alle Fächer unterrichten, erst viel später wurde das Studium auf zwei Fächer beschränkt. Bei seinem Abschied sagte der Schulrat: "Sie behalten die Klasse, machen sie weiter so". Am nächsten Tag bat mich Herr Rieschmüller, ihm zwei Unterrichtsfächer in meiner Klasse abzugeben. Das lehnte ich ganz entschieden ab. Von da ab war unser Verhältnis nicht mehr ungetrübt. 1952 wurde eine dritte Klasse eingerichtet, die Schüler dieser Klasse wurden am Nachmittag von einem aus der DDR geflüchteten Lehrer Hofmann unterrichtet, der sich aber bald nach Curau versetzen ließ.






 

Unterricht bei Hr. Rieschmüller [ Renate Runge, Fissau]



Zu neuen Ufern



Am 26. Februar 1954 machte ich meine zweite Lehrerprüfung und wurde verbeamtet. Noch am Prüfungstag bot mir Regierungsrat Schleifer die Führung der im Bau befindlichen Landschule in Elmenhorst an. Den Dienst dort begann ich im August. Da die Dienstwohnung noch nicht fertig war, musste ich bis Dezember an den Wochenenden mit meinem Fahrrad mit Hilfsmotor die ca. einhundert Kilometer am Samstag nach Liensfeld und am Sonntag nach Elmenhorst wiederum einhundert Kilometer zurückfahren.





Mit dem Umzug waren für meine Frau die schlimmsten Jahre ihres Lebens endgültig vorbei. Was hatte sie nicht alles entbehren müssen: Wasser gab es in Liensfeld nur aus der Hofpumpe, Windeln mussten auf dem Küchenherd gewaschen werden, Waschwasser trug sie täglich zwei Treppen rauf und das Schmutzwasser wieder zwei Treppen runter. Die Benutzung der Waschküche, die zur Wohnung Rieschmüller gehörte, wurde uns nicht gestattet. Täglich mussten zwei Öfen und der Herd geheizt werden, das Brennwerk musste aus dem Stall herauf getragen werden. Die Toilette befand sich am Ende des Schulhofes. Es war ein „Plumsklo“, auf dem die Ratten zu Hause waren. Das alles war mit dem Umzug vorbei.







Was bleibt



Wieso kam es zur Aufrechterhaltung meiner Verbindung nach Liensfeld? Als erste Mitschülerin ergriff Christa Willert aus Kiekbusch die Initiative zu einem Wiedersehen nach der Schulentlassung. Dreimal trafen wir uns unter ihrer Leitung in unserem Kirchdorf Sarau und einmal in Ahrensboek. Nach ihr ergriff Karla Runge die Fackel und führte uns zum gemeinschaftlichen Treffen in Liensfeld zusammen. In diesem Jahr begrüßte uns die Ehefrau Brunhild des Klassenkameraden Heinz Ehlers im Gemeinschaftsraum der Feuerwehr Liensfeld-Kiekbusch. Ihnen beiden gilt unser besonderer Dank.





  Ein früheres Treffen [Bericht Lüb.-Nachrichten hinterlegt]








Travemünde,
Rudi Didwißus
Im November 2010
[Redaktion P. H. Radtke]





















 

Alte Schule heute




Herr Didwißus berichtet




 

© Werner Klees. [ ~ 17 MB / ~ 7.2 Min.]



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Teilnehmer 2010

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Siehe auch Oswald Kramers Bericht !




 




Klassentreffen 2o13

Gruppenfoto 2013 am Dorfgemeinschaftshaus Melden, wer in Liensfeld zur Schule ging





 

"Rainer" kam nicht mehr soweit [Mit Organisatorin Brundhild Ehlers]






5 Sekunden 3 D Karussel







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